Nahrungsverzicht als Ausdruck spiritueller und religiöser Traditionen und Erfahrungen
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Obwohl die medizinische Beschreibung der heute als *Anorexia nervosa* bekannten Störung erstmals im 17. Jahrhundert durch den englischen Arzt Richard Morton erfolgte, lassen sich vergleichbare Phänomene bereits in weit früheren historischen Epochen nachweisen. Die freiwillige Enthaltsamkeit von Nahrungsaufnahme stellt ein wiederkehrendes Element ritueller und asketischer Praktiken in nahezu allen Glaubenssystemen der Welt dar – von der altägyptischen Religion über die jüdische Tradition und die christliche Askese bis hin zu islamischen und buddhistischen Kontexten. Im Laufe der Jahrhunderte unterlagen lediglich die Deutung dieses Phänomens vor dem Hintergrund vorherrschender kultureller Normen, das Verständnis seiner physiologischen und psychologischen Mechanismen sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung solcher Verhaltensweisen – von Verehrung und Bewunderung bis hin zu Verurteilung oder Geringschätzung – einem stetigen Wandel.
Anorexie oder Fasten?
Die ursprüngliche Herangehensweise zum Hunger ist in der Tradition der religiösen Versuchung nach dem Sacrum zu sehen. In Übereinstimmung mit dieser Art des langjährigen Denkens des Hungers erlaubt es uns, uns dem Absoluten zu nähern. Gleichzeitig ist Hunger eine Methode, um sich vor unreinen Kräften und Bösen zu bewahren, die häufig mit dem Mangel an Mäßigung oder dem Unterlassen körperlicher Versuchungen verbunden ist. Die besten dokumentierten Beispiele für religiöse Anliegen sind die Lebenszeiten der Heiligen.