Ernährungsstörungen im psychoanalytischen Sinne
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Freud machte als erster auf das Problem der Anorexie aus psychoanalytischer Sicht aufmerksam. Er beschrieb Anorexie-Patienten als solche, die nicht in der Lage waren, mit ihrer eigenen sexuellen Spannung umzugehen. Darüber hinaus interpretierten spätere Analytiker diese Störung als Verzögerung und Verweigerung ihrer Weiblichkeit, und eines der Symptome, der Verlust der Menstruation, ermöglichte es den Patienten, ihre Kindheit zu verlängern.
Psychoanalytische Perspektive auf Anorexie im historischen Kontext
Laut Freud war die Verweigerung von Nahrungsaufnahme ein Symptom der Hysterie, die aus sexueller Belästigung resultierte. In späteren Arbeiten verwarf der Begründer der Psychoanalyse diese Ansicht zugunsten der Fantasie von sexuellem Missbrauch. Das kulturelle Tabu, das mit sexuellem Missbrauch verbunden ist, stellt weiterhin ein Problem bei der Interpretation dieses Phänomens im Kontext von Essstörungen dar. H. Bruchart, eine der bekanntesten Autorinnen im Bereich der psychoanalytischen Essstörungen, argumentiert, dass deren Ursachen vielfältig sind. Die Krankheit betrifft nicht nur den Patienten, sondern auch dessen Familie und das nähere Umfeld. Heutzutage geht man davon aus, dass Essstörungen eng mit einer Dysfunktion des Selbstkonzepts und des Körperbildes verbunden sind. Besonders relevant sind hier die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter in den ersten Lebensjahren der Patientin. In dieser Beziehung steht die unzureichende Wahrnehmung der Bedürfnisse des Kindes durch die Mutter sowie die Unangemessenheit ihrer Reaktionen im Vordergrund. Die Bedürfnisse des Kindes werden durch die Erwartungen und Bedürfnisse der Mutter interpretiert, was zu Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung und angemessenen Interpretation der eigenen Gefühle führt. Als Folge davon wird die Grenze zwischen Mutter und Kind verwischt. In der Konsequenz werden das Gefühl der Grenzen und das Körperbild gestört und verzerrt. Dieses Problem wird während der Adoleszenz und der weiteren Entwicklung des körperlichen Selbst des Kindes sichtbar. Menschen mit Anorexie verspüren einen starken Drang nach Perfektion. Solche Verhaltensweisen sind eine Abwehr ihres zerbrechlichen Selbst und eine Reaktion auf ein stark vermindertes Selbstwertgefühl. Auch eine gewisse Starrheit des Verhaltens, insbesondere in Bezug auf das Essen, kann als Versuch interpretiert werden, mit dem Gefühl der Hilflosigkeit umzugehen. Die Symptome der Anorexie werden somit zu einem Versuch, Kontrolle über das eigene Leben zu behalten oder Bedeutung zurückzugewinnen. Die Verweigerung von Nahrung wird als die zugänglichste Form des Widerstands gegen die Erwartungen der Eltern betrachtet, die sich ein Kind leisten kann.