Adipositas, aber fit – die Bedeutung dieses Begriffs
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Übergewicht gilt allgemein als Risikofaktor für eine Vielzahl von Krankheiten, einschließlich Herzerkrankungen. Seit den 1990er Jahren haben Forscher festgestellt, dass körperliche Aktivität einen erheblichen Einfluss auf dieses Risiko haben kann. Mehrere Studien haben gezeigt, dass übergewichtige Personen, die jedoch eine gute körperliche Verfassung haben, möglicherweise ein geringeres Risiko für Herzerkrankungen haben als schlanke Menschen, die keinen aktiven Lebensstil führen.
Übergewichtig, aber körperlich fit
Der Begriff "Fat but fit" entstand in den 1990er Jahren. Er beschreibt Personen, die trotz Übergewichts eine hohe körperliche Fitness aufweisen. Einige Studien legen nahe, dass eine hohe Herz-Kreislauf-Fitness (CRF) die negativen Auswirkungen von Übergewicht abschwächen kann. CRF bezieht sich auf die Fähigkeit des Herz-Kreislauf- und Atmungssystems, Sauerstoff effizient während längerer körperlicher Anstrengung zu transportieren. Im Jahr 2015 veröffentlichten S. J. Dankel, J. P. Loenneke und P. D. Loprinzi eine Analyse von Daten aus der NHANES-Studie, die über 11.000 Personen im Alter von 38 bis 85 Jahren umfasste. Die Teilnehmer wurden nach Körpergewicht (Übergewicht/Fettleibigkeit/Normalgewicht) und körperlicher Aktivität (aktiv/inaktiv) eingeteilt. Die Ergebnisse zeigten, dass nur körperlich inaktive Personen ein erhöhtes Sterberisiko unabhängig von der Ursache aufwiesen. Die Autoren betonen die Bedeutung von körperlicher Fitness und fordern regelmäßige Bewertungen der körperlichen Leistungsfähigkeit von Patienten.
Knochengesundheit: Einfluss von Fettgewebe und körperlicher Aktivität
Übermäßige Fettansammlung ist ein Risikofaktor für Osteoporose. Nicht nur die erhöhte Belastung durch Körpergewicht, sondern auch proinflammatorische Zytokine, die von Adipozyten produziert werden, wirken sich negativ auf die Knochen aus. Umgekehrt fördert körperliche Aktivität die Knochengesundheit. Vor diesem Hintergrund untersuchten A. Torres-Costoso und Kollegen, ob Personen mit erhöhtem Fettanteil, aber guter körperlicher Fitness (CRF) eine höhere Knochendichte aufweisen als Personen mit geringer Fitness. Die Studie umfasste Studierende im Alter von 18 bis 30 Jahren. Es wurden Körpergewicht, Körperzusammensetzung und Knochendichte gemessen. Zudem wurde die Muskelkraft (Handgrip-Test) und die körperliche Fitness (Beep-Test) überprüft. Der Beep-Test besteht aus einem Hin- und Rücklauf über 20 Meter, wobei die Teilnehmer zwischen zwei Signalen laufen müssen. Mit der Zeit steigt das Tempo, bis der Teilnehmer aufgrund von Erschöpfung aufgibt. Die Ergebnisse wurden mit Normwerten verglichen, um die aerobe Ausdauer zu bewerten. Die Studie zeigte, dass Personen mit guter Fitness und stärkerer Muskulatur, unabhängig vom Fettanteil, eine höhere Knochendichte aufwiesen als untrainierte Personen.
Koronare Herzkrankheit
Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Sterberisiko bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit deutlich senken kann. In einer Studie von P. D. Loprinzi wurden 766 Teilnehmer in sechs Gruppen eingeteilt: Personen mit normalem Körpergewicht, körperlich inaktiv; Personen mit Übergewicht, körperlich inaktiv; Personen mit Fettleibigkeit, körperlich inaktiv; Personen mit normalem Körpergewicht, körperlich aktiv; Personen mit Übergewicht, körperlich aktiv; Personen mit Fettleibigkeit, körperlich aktiv. Während der 86-monatigen Beobachtungsphase verstarben 301 Teilnehmer. Die Auswertung der Daten zeigte, dass regelmäßige körperliche Aktivität die Überlebenschancen erhöht, unabhängig vom Körpergewicht. Körperlich aktive Personen wiesen ein statistisch signifikant geringeres Sterberisiko auf.
Depression: Zusammenhang mit Übergewicht
Studien deuten darauf hin, dass Übergewicht ein Risikofaktor für Depressionen sein kann. Adipositas geht oft mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder Insulinresistenz einher, die wiederum die psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Zudem kann der gesellschaftliche Druck auf das Aussehen negative Gedanken und ein geringes Selbstwertgefühl auslösen. Allerdings zeigte eine Studie von K. M. Beckofsky und Kollegen, dass eine geringe körperliche Fitness stärker mit Depressionen korreliert als der Fettanteil im Körper. Körperliche Aktivität kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin fördern und den Stress durch Senkung des Kortisolspiegels reduzieren.
Kann man wirklich fettleibig, aber fit sein?
Studien zeigen, dass es möglich ist, fettleibig, aber fit zu sein, allerdings ist dies ein seltenes Phänomen. G. E. Duncan analysierte Daten aus der NHANES-Studie, die über 4.500 Personen im Alter von 20 bis 49 Jahren zu Körpergewicht und körperlicher Fitness umfasste. Er schätzte, dass nur 8,9% der Erwachsenen in den USA das Kriterium "fettleibig, aber fit" erfüllen. Personen mit übermäßigem Körperfett fällt es deutlich schwerer, eine gute körperliche Fitness zu erreichen, als Personen mit normalem Körpergewicht. Wie G. E. Duncan betont, wiesen 20% der adipösen Personen einen niedrigen CRF-Wert auf, während 80% mittlere bis hohe Werte erreichten. Bei übergewichtigen Personen lag der Anteil mit niedrigem CRF bei 12,5%, während 87,5% mittlere bis hohe Werte aufwiesen. Dies deutet darauf hin, dass auch bei Übergewicht eine hohe körperliche Fitness erreichbar ist. Dennoch erhöht Übergewicht das Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. In Studien wird der Begriff MHO – metabolisch gesunde Adipositas – verwendet, was Personen mit normaler Insulinempfindlichkeit und Lipidprofil trotz Übergewichts beschreibt. Dieser Begriff ist jedoch nicht klar definiert. R. E. Brown und J. L. Kruk stellen in einer Übersichtsarbeit fest, dass die Studien zu MHO widersprüchlich sind. Einige zeigen, dass der MHO-Phänotyp ein ähnliches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Normalgewichtige birgt. Andere Studien widersprechen dies und behaupten, dass Adipositas, selbst ohne metabolische Störungen, das Risiko für Herzerkrankungen und Typ-2-Diabetes erhöht. Schätzungen zufolge betrifft MHO nur 3–6% der adipösen Personen. Schützt "fettleibig, aber fit" wirklich vor den Folgen von Übergewicht? Eine klare Antwort gibt es nicht. Alle Studien sind Beobachtungsstudien, was bedeutet, dass Korrelation nicht Kausalität impliziert. Einzig sicher ist, dass körperliche Aktivität die Gesundheit fördert, unabhängig vom Ausgangsgewicht.