Probiotika – Leitlinien der American Gastroenterological Association (AGA) und der European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN)
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Im Jahr 2020 veröffentlichte die American Gastroenterological Association (AGA) einen praktischen Leitfaden für die Anwendung von Probiotika bei der Behandlung von Verdauungsstörungen. Ein weiterer Leitfaden soll 2023 veröffentlicht werden. Im Jahr 2017 fasste das Europäische Pädiatrische Gesellschaft (EPA) eine Expertengruppe zusammen, die bisher veröffentlichten europäischen Richtlinien zur Verwendung von Probiotika bei Kindern in bestimmten klinischen Situationen zusammen.
Probiotika: Ein weltweit wachsender Trend mit medizinischer Relevanz
Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt es sich bei Probiotika um lebende Mikroorganismen – in der Regel Bakterien oder Hefen –, die bei Einnahme in ausreichender Menge nachweislich positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Die wissenschaftliche Forschung zu ihren Anwendungsmöglichkeiten nimmt stetig zu, was sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch bei Patienten große Erwartungen weckt. So stieg beispielsweise in den USA die Anzahl der regelmäßigen Probiotika-Nutzer zwischen 2007 und 2015 um das Vierfache an. In Polen wiederum, wie aus Studien im Rahmen der Aufklärungskampagne "Probiotyk – eine bewusste Wahl" hervorgeht, greift mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu solchen Präparaten. Angesichts dieser rasanten Entwicklung lohnt es sich, die aktuellen Leitlinien zu konsultieren, die den Stand der bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfassen. Die American Gastroenterological Association (AGA) betont in ihren Empfehlungen, dass für die meisten gastrointestinalen Erkrankungen derzeit keine ausreichende Evidenz für den routinemäßigen Einsatz von Probiotika vorliegt. Entscheidend ist dabei, dass die Stärke der einzelnen AGA-Empfehlungen variiert: Jede Bewertung berücksichtigt zwei zentrale Aspekte – erstens die Qualität der vorliegenden wissenschaftlichen Belege (die auf einer vierstufigen Skala von "sehr niedrig" bis "hoch" eingestuft wird) und zweitens die Kraft der Empfehlung selbst (bedingt oder stark). Eine hohe Belegqualität deutet auf eine große Wahrscheinlichkeit hin, dass das gewünschte therapeutische Ergebnis durch die Gabe des jeweiligen Probiotikums erreicht wird, während eine bedingte Empfehlung eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken vor der Anwendung nahelegt.
Probiotische Supplementierung bei Frühgeborenen – empfohlene bakterielle Stämme
Die American Gastroenterological Association (AGA) gibt Leitlinien zur Anwendung ausgewählter probiotischer Mikroorganismenstämme bei Säuglingen heraus, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche mit einem reduzierten Geburtsgewicht geboren wurden. Ziel dieser präventiven Maßnahme ist die Verringerung des Risikos für die Entwicklung einer nekrotisierenden Enterokolitis (NEC) – einer schweren, mit hoher Mortalität verbundenen Darmerkrankung bei Frühgeborenen. Optimale klinische Ergebnisse werden durch die gleichzeitige Verabreichung von Vertretern der Gattungen *Lactobacillus* und *Bifidobacterium* erzielt, wobei spezifische Kombinationen wie folgt aussehen:
• *Lactobacillus rhamnosus* GG (Stamm ATCC 53103) in Kombination mit *Bifidobacterium longum* Unterart *infantis*;
• *Lactobacillus casei* mit *Bifidobacterium breve*;
• *Lactobacillus acidophilus* mit *Bifidobacterium longum* Unterart *infantis*;
• *Lactobacillus acidophilus* mit *Bifidobacterium bifidum*;
• *Lactobacillus rhamnosus* GG (Stamm ATCC 53103) mit *Bifidobacterium longum* Reuter (Stamm ATCC BAA-999).
Diese Empfehlungen basieren auf einer synthetischen Analyse von Daten mittlerer bis hoher Vertrauenswürdigkeit, was ihre wissenschaftliche und klinische Begründung untermauert.
Infektiöse bakterielle Gastroenteritis – aktuelle therapeutische Leitlinien
Laut den aktuellen Empfehlungen der American Gastroenterological Association (AGA) sollte bei Kindern mit diagnostizierter bakterieller Magen-Darm-Entzündung auf die Verabreichung von Probiotika verzichtet werden, da es keine ausreichenden Belege für deren Wirksamkeit gibt. Bei Patienten, die sich einer Proktokolektomie – einem chirurgischen Eingriff zur Entfernung des Rektums sowie pathologisch veränderter Darmabschnitte – unterzogen haben, wird ein sogenannter Darmbeutel (*pouch*) angelegt, der als Ersatzreservoir dient. Falls während der Operation der anale Schließmuskel erhalten bleibt, wird ein Abschnitt des Dünndarms mit dem Analkanal verbunden, was eine physiologische Stuhlentleerung ermöglicht. Im Falle einer Entzündung dieses Darmbeutels (*Pouchitis*) empfiehlt die AGA die Erwägung einer Therapie mit einer Kombination aus acht Bakterienstämmen: *Lactobacillus paracasei*, *Lactobacillus plantarum*, *Lactobacillus acidophilus*, *Lactobacillus delbrueckii* subsp. *bulgaricus*, *Bifidobacterium longum*, *Bifidobacterium breve*, *Bifidobacterium longum* subsp. *infantis* sowie *Streptococcus salivarius* subsp. *thermophilus*. Es ist jedoch zu betonen, dass die Qualität der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz für diese Empfehlung als sehr gering eingestuft wird.
Probiotika-Einsatz während und nach Antibiotikatherapie – aktuelle Leitlinien und klinische Forschungsergebnisse
Die American Gastroenterological Association (AGA) empfiehlt die mögliche Ergänzung mit Probiotika bei Erwachsenen und Kindern unter Antibiotikatherapie, wobei die Qualität der vorliegenden Evidenz als gering eingestuft wird. Als potenziell wirksame Stämme gelten: *Saccharomyces boulardii CNCM I-745*, die Kombination aus *Lactobacillus acidophilus CL1285* und *Lactobacillus casei LBC80R* sowie Präparate mit *Lactobacillus acidophilus* in Verbindung mit *Lactobacillus delbrueckii* subsp. *bulgaricus* und *Bifidobacterium bifidum* – teilweise angereichert mit *Streptococcus salivarius* subsp. *thermophilus*. Die Entscheidung für eine Probiotika-Gabe sollte individuell getroffen werden, insbesondere unter Berücksichtigung des Risikos einer *Clostridioides-difficile*-Infektion (ehemals *Clostridium difficile*) im Zusammenhang mit der Antibiotikaeinnahme. Die Europäische Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung (ESPGHAN) hingegen rät zur Anwendung von *Lactobacillus rhamnosus GG* oder *Saccharomyces boulardii* zur Vorbeugung antibiotikaassoziierter Diarrhö bei Kindern. Eine 2018 in *„Cell“* veröffentlichte Studie (Suez *et al.*) zeigte, dass Probiotika die natürliche Rekolonisierung der Darmflora nach Antibiotikatherapie verzögern oder stören können, während eine Stuhltransplantation als effektivere Methode zur Wiederherstellung des mikrobiellen Gleichgewichts identifiziert wurde. Aufgrund der individuellen Variabilität der Körperreaktion und der begrenzten Datenlage sollte die Einnahme von Probiotika stets mit einem Arzt – idealerweise einem Gastroenterologen – abgestimmt werden.
Dreimonatskoliken und Reizdarmsyndrom (IBS): wissenschaftliche Empfehlungen zur Anwendung von Probiotika
Keine der europäischen medizinischen Fachgesellschaften spricht eine generelle Empfehlung für den Einsatz von Probiotika bei Säuglingskoliken aus. Eine Ausnahme bildet der Stamm *Lactobacillus reuteri* DSM 17938, dessen Wirksamkeit in einer begrenzten Anzahl klinischer Studien nachgewiesen wurde – allerdings reichen die vorliegenden Belege nicht aus, um eine eindeutige Handlungsempfehlung abzuleiten. Falls eine Supplementierung erwogen wird, sollte diese in einer Dosierung von 10⁸ koloniebildenden Einheiten (KBE) pro Tag über einen Zeitraum von 21 bis 30 Tagen erfolgen. Die American Gastroenterological Association (AGA) betont, dass Probiotika bei Morbus Crohn, Colitis ulcerosa (CU) sowie dem Reizdarmsyndrom (IBS) – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen – nur im Rahmen streng kontrollierter klinischer Studien verabreicht werden sollten. Bisherige Untersuchungen deuten zwar auf mögliche Vorteile bestimmter Stämme bei IBS hin, doch basieren diese Erkenntnisse auf kleinen Studienpopulationen mit heterogenen methodischen Ansätzen, was die Formulierung einheitlicher Leitlinien erschwert. Besondere Vorsicht ist bei Patient:innen mit geschwächtem Immunsystem, Kurzdarmsyndrom oder unter laufender Krebstherapie geboten. Zudem ist zu beachten, dass die Mehrheit der erhältlichen Probiotika als Nahrungsergänzungsmittel registriert sind, was keine Garantie für die Übereinstimmung der Inhaltsstoffe mit den Herstellerangaben bietet; lediglich wenige in Polen als Arzneimittel zugelassene Präparate unterliegen strengeren Kontrollen. Die Einnahme von Probiotika sollte stets in Absprache mit einem Arzt erfolgen, da die Wahrscheinlichkeit eines therapeutischen Nutzens am höchsten ist, wenn die Anwendung den evidenzbasierten Richtlinien entspricht; in allen anderen Fällen sind die Ergebnisse schwer vorhersehbar.